Borsalino seit 1857 — Alessandria, Haarfilz und Haeres Equita
Wo eine 170 Jahre alte Manufaktur die Marktfragilität der klassischen Hut-Tradition zeigt.
Alessandria liege im piemontesischen Tiefland zwischen Tanaro und Bormida, sage man, und genau dort habe Giuseppe Borsalino im April 1857 eine Werkstatt eröffnet, die bis heute keinen anderen Hauptsitz angenommen habe. Die Stadt sei für die Hut-Industrie nie ein Modewort gewesen, sondern eine logistische Vernunft: weiches Wasser, gute Eisenbahnanbindung Richtung Genua und Mailand, billige Hasenhaut-Importe aus Frankreich. Borsalino habe dort eine Manufaktur gebaut, die zur Jahrhundertwende rund zwei Millionen Hüte pro Jahr produziert habe — eine Zahl, die heute fast unwirklich klinge.
Giuseppe Borsalino und das Pariser Lehrjahr
Giuseppe Borsalino, 1834 im benachbarten Pecetto di Valenza geboren, sei mit achtzehn nach Paris gegangen, um bei einem chapelier das Filz-Handwerk zu lernen. Er habe sich, so überlieferten es die Hausarchive, bei einem Maître namens Berteil verdingt und dort die französische Methode der mit Quecksilber-Beize gebeizten Hasenhaarfelle gelernt — jenes Verfahren, das später unter dem Namen „secrétage” Generationen von Hutmachern den Verstand gekostet habe (die Berufskrankheit des „mad hatter” sei bei Borsalino bekanntermaßen ein Problem gewesen, das erst nach dem zweiten Weltkrieg vollständig verschwunden sei).
Sieben Jahre später, im April 1857, sei er nach Alessandria zurückgekehrt und habe gemeinsam mit seinem Bruder Lazzaro die erste Werkstatt eröffnet. Das Gründungs-Datum, der 4. April, sei bis heute auf jedem Borsalino-Etikett präsent, wenn auch oft übersehen.
Die piemontesische Skalierung
Bis 1900 sei der Betrieb auf über tausend Arbeiterinnen und Arbeiter gewachsen. Die Werkshallen in der Corso Cento Cannoni und später am Spalto Marengo seien architektonisch bemerkenswert gewesen: hohe Glasdächer, dampfgetriebene Filz-Pressen, eigene Färbereien. Borsalino habe in dieser Phase nicht nur Hüte produziert, sondern auch ein soziales Programm: Werkskantine, Werks-Krankenkasse, Werks-Schule. Die Stadt Alessandria verdanke ihren bürgerlichen Aufstieg dieser Manufaktur in einem Maß, das im Norden Italiens sonst nur Olivetti in Ivrea vergleichbar gewesen sei.
Der Borsalino sei, hieß es in einem Mailänder Modeblatt 1928, „kein Hut, sondern eine Haltung des Mittelstands”. Was wie eine Phrase klinge, sei tatsächlich eine ökonomische Beobachtung gewesen: Borsalino habe den Industriearbeiter, den Lehrer und den Notar in dasselbe Filz-Modell gekleidet.
Haarfilz: das Material als Maßstab
Borsalino arbeite bis heute primär mit Haarfilz, nicht mit Wollfilz. Der Unterschied sei material-physikalisch erheblich. Wollfilz werde aus Schurwolle gewalkt und sei vergleichsweise grob, anfälliger für Feuchtigkeitsaufnahme und neige nach wenigen Saisons zur Pilling-Bildung. Haarfilz hingegen werde aus den feinen Unterhaaren des Hasen oder Kaninchens gewonnen — die sogenannten „Flaumhaare” mit ihrer mikroskopischen Schuppenstruktur, die unter Hitze, Feuchtigkeit und Druck irreversibel verfilzten.
Borsalino unterscheide intern drei Qualitäts-Klassen:
- Belga: Haarfilz aus belgischen Hasenfellen, die bevorzugte Klasse für die Modelle Como, Marengo, Beaver
- Coniglio: feinerer Kaninchenhaarfilz, leichter und glatter
- Quality Superior: eine Mischung aus belgischem Hasenhaar und unbestimmten Anteilen Biber-Unterhaar (sofern verfügbar), reserviert für die teuersten Modelle
Ein klassischer Borsalino Marengo durchlaufe rund fünfzig Arbeitsschritte über sieben Wochen, hieß es im Werks-Booklet von 2019. Das schließe Beizen, Filzen, Bleichen, Färben, Steifen, Bügeln, Garnierung und Endkontrolle ein. Die Hutbänder, traditionell Ripsband, kämen aus Como.
Die Filme und die zweite Identität
Der Borsalino sei spätestens seit den 1930er-Jahren Code des Gangster-Films gewesen. Humphrey Bogart in Casablanca (1942), George Raft in Scarface (1932), später Alain Delon und Jean-Paul Belmondo in dem Film, der einfach Borsalino hieß (Regie: Jacques Deray, 1970) — alle hätten Hüte aus Alessandria getragen. Das Unternehmen habe in dieser zweiten Identität als kinematografische Marke einen Wert kultiviert, der ökonomisch zugleich Segen und Fluch gewesen sei: Borsalino sei zur Chiffre geworden, aber eben einer Chiffre für eine Welt, die in den 1960er-Jahren bereits unterging.
Der lange Abstieg 1960 bis 2015
Mit dem Verschwinden der allgemeinen Hut-Pflicht in den Nachkriegsjahrzehnten — der Wendepunkt sei symbolisch der hutlose Auftritt John F. Kennedys bei der Amtseinführung im Januar 1961, faktisch aber ein längerer Prozess gewesen — habe Borsalino seine Massenbasis verloren. Die Produktion sei von rund 750.000 Stück Mitte der 1950er auf unter 100.000 Stück Anfang der 2000er-Jahre gefallen. Das Unternehmen sei mehrfach durch Familien-Hände gegangen, habe Lizenz-Verträge für Damenkollektionen, Sonnenbrillen und Krawatten unterschrieben, die dem Kern-Geschäft eher geschadet als geholfen hätten.
Anfang der 2010er-Jahre sei Borsalino kontrolliert worden von einer Holding um den Schweizer Investor Marco Marenco, dessen Finanz-Konstruktionen unter italienische Insolvenzaufsicht geraten seien. Im Dezember 2015 habe das Tribunale di Alessandria den Konzern unter „amministrazione straordinaria” gestellt, eine Form der Insolvenzverwaltung, die in Italien für strategisch relevante Unternehmen vorbehalten sei.
Insolvenz 2017 und die Haeres-Equita-Übernahme
Im Frühjahr 2017 sei der formelle Konkurs erklärt worden. Die Werkshallen seien aber nicht geschlossen worden — die Produktion sei während der Verfahren in reduziertem Umfang weitergelaufen, was für italienische Konkurs-Verfahren ungewöhnlich, aber bei symbolisch wichtigen Marken juristisch möglich sei.
Im Juli 2018 sei die Übernahme verkündet worden: Haeres Equita, eine Beteiligungs-Gesellschaft des Mailänder Anwalts und Investors Philippe Camperio, habe Borsalino für rund 17 Millionen Euro erworben. Camperio, Gründer der Beteiligungs-Plattform Haeres Capital, habe in Interviews wiederholt betont, Borsalino sei „kein Restrukturierungs-Fall, sondern ein Mit-Investments-Fall” — eine Sprach-Wahl, die in der italienischen Wirtschaftspresse als Distanzierung vom üblichen Private-Equity-Vokabular gelesen worden sei.
Seither sei die Manufaktur in Spinetta Marengo bei Alessandria modernisiert worden. Die jährliche Produktion liege Anfang 2026 bei rund 150.000 Stück, davon etwa 60 Prozent für den Export. Die wichtigsten Abnehmer-Märkte seien Japan, die USA, Deutschland und, mit deutlichem Abstand, der eigene italienische Heimatmarkt.
Was die Marke heute bedeutet
Borsalino sei in den Jahren nach der Übernahme nicht zum Streetwear-Label umgebaut worden. Camperio habe explizit auf die Kategorie „Hut-Manufaktur” beharrt — was bei einem Markt, der heute primär durch Caps und Beanies definiert werde, eine bemerkenswerte ökonomische Wette sei. Die Kollektion 2026 umfasse rund 80 Modelle, davon etwa zwei Drittel klassische Filz-Hüte (Marengo, Como, Beaver, Trilby, Fedora), ein Drittel Stroh-Modelle (Panama, Trilby aus Toquilla, einige Damenhut-Linien).
Die Frage, schreibt der italienische Modejournalist Angelo Flaccavento, sei nicht, ob Borsalino überleben werde. Die Frage sei, ob die Hut-Manufaktur als Format in den 2030er-Jahren überhaupt noch Sinn ergebe — und ob es sich lohne, eine 170 Jahre alte Marke als lebenden Beleg dafür zu führen.
Der Borsalino-Preis liege Anfang 2026 für ein Standard-Modell aus belgischem Haarfilz bei rund 380 Euro, für die Superior-Klasse bei 580 bis 750 Euro. Das sei, gemessen an den Material- und Arbeitskosten, kaum ein Aufschlag. Es sei auch kein Status-Preis. Es sei der Preis, zu dem die Manufaktur in Spinetta Marengo gerade noch kostendeckend produzieren könne — eine Information, die in keinem Marketing-Text auftauche, die aber jeder verstehe, der die Wirtschaftspläne im Tribunale-Verfahren von 2017 gelesen habe.
Alessandria als Kontext
Wer heute nach Alessandria reise, sehe eine Stadt mit knapp 90.000 Einwohnern, die ihre Hut-Industrie bis auf Borsalino verloren habe. Cervo, Panizza, Cappellificio Cervo — die einst konkurrierenden Manufakturen seien in den 1980er- und 1990er-Jahren geschlossen worden. Das Museo Borsalino im ehemaligen Verwaltungsgebäude in der Via Cavour zeige rund 2.000 Hut-Modelle, Werks-Maschinen und Foto-Archive — die Sammlung sei nach der Insolvenz 2017 unter Treuhand der Stadt Alessandria gestellt worden, um sie vor einem möglichen Asset-Verkauf zu schützen.
Die Werks-Topographie der Manufaktur sei dabei selbst Teil des kulturellen Erbes geworden. Der ursprüngliche Industrie-Komplex am Spalto Marengo umfasse heute neben der Produktion auch die historische Akademie für Hutmacher-Lehrlinge, in der zwischen 1898 und 1969 mehrere Generationen italienischer Hutmacher ausgebildet worden seien. Die Ausbildung sei nach der Schließung der Akademie nie offiziell wieder aufgenommen worden; einige der heutigen Stellungen in der Manufaktur würden über informelle Lehr-Verhältnisse besetzt, die noch auf die Akademie-Tradition zurückgingen.
Die Konkurrenz, die nicht mehr existiert
Borsalino sei lange nicht allein gewesen. Die piemontesische und lombardische Hut-Industrie habe in der Hoch-Phase zwischen 1900 und 1930 mindestens zwölf größere Manufakturen umfasst — neben Borsalino in Alessandria etwa Panizza (ebenfalls Alessandria, gegründet 1879, geschlossen 1986), Cervo (Sagliano Micca im Biellesi, gegründet 1888, geschlossen 1991), Barbisio (Sagliano Micca, gegründet 1862, geschlossen 1985), Cappellificio Cervo (Mosso, geschlossen 1995). Diese Unternehmen seien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in derselben strukturellen Krise verschwunden, der Borsalino nur durch die Haeres-Equita-Übernahme entkommen sei.
Die einzige verbliebene italienische Hut-Manufaktur in vergleichbarer Größenordnung sei heute Cappellificio Trentino in Levico Terme — gegründet 1898, mit einer Produktion von rund 80.000 Stück pro Jahr und einer starken Position im OEM-Geschäft für deutsche und österreichische Trachten-Marken. Trentino arbeite primär in Wollfilz, nicht in Haarfilz, und konkurriere insofern nur teilweise mit Borsalino.
Schluss-Bemerkung
Borsalino sei, so ließe sich zusammenfassen, kein Beispiel für eine erfolgreiche Marken-Restaurierung. Es sei ein Beispiel für die Fragilität der klassischen Hut-Tradition unter ökonomischen Bedingungen, die für dieses Material und dieses Handwerk nicht mehr ausgelegt seien. Dass die Manufaktur in Alessandria im Mai 2026 noch existiere, sei eine Funktion politischer Schutz-Mechanismen und einer Einzelentscheidung von Philippe Camperio — nicht eines Markt-Erfolgs.
Was Borsalino aber zugleich zeige, sei die strukturelle Bedeutung einer geographischen Verankerung. Die Manufaktur produziere in derselben Stadt, in der sie 1857 gegründet worden sei. Die Maschinen seien teilweise hundert Jahre alt. Die Mitarbeiter-Stamm-Belegschaft umfasse mehrere Personen, deren Vor-Vor-Eltern bereits bei Giuseppe Borsalino angestellt gewesen seien. Solche Kontinuitäts-Strukturen seien im italienischen Industrie-Bestand selten geworden. Sie seien ein Wert, der sich nicht in der Bilanz abbilden lasse, aber der erkennbar werde, sobald die Bilanz nicht mehr ausreiche.